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Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit

Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit

“Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit” ist ein Buch des niederländischen Historikers und Autors Rutger Bregman, das 2020 veröffentlicht wurde.

Der zentrale Gedanke des Buches ist, dass Menschen im Kern gut sind und dass das weit verbreitete Bild von der menschlichen Natur als egoistisch und gewalttätig eine Fehlwahrnehmung ist.

Bregman bietet eine optimistische Sicht auf die Menschheit und versucht, die Vorstellung zu widerlegen, dass Menschen von Natur aus schlecht sind.

Hier eine Zusammenfassung der Hauptpunkte des Buches:

Das Bild der menschlichen Natur

Bregman kritisiert die Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus schlecht und egoistisch ist, ein Bild, das in der westlichen Kultur weit verbreitet ist und oft durch Philosophen wie Thomas Hobbes gestützt wurde. Hobbes behauptete, dass das Leben im Naturzustand “einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz” sei, und dass nur der Staat mit seiner repressiven Macht diese egoistischen und aggressiven Neigungen zügeln könne.

Bregman stellt diese Ansicht infrage und argumentiert, dass viele der pessimistischen Annahmen über die menschliche Natur durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegt wurdenEr verweist auf anthropologische, psychologische und historische Studien, die zeigen, dass Menschen im Allgemeinen kooperativ, empathisch und hilfsbereit sind, wenn sie in Gemeinschaften leben.

Hier sind einige der wichtigsten Studien und Forschungen, auf die er Bezug nimmt

Auszug aus den anthropologischen, psychologischen und historischen Studien, die seine These untermauern, dass Menschen von Natur aus kooperativ, empathisch und hilfsbereit sind, insbesondere in Gemeinschaften.

Anthropologische Studien:

  1. Forschung von Christopher Boehm: Boehm ist ein Anthropologe, der sich intensiv mit der Evolution von Moral und Kooperation beschäftigt hat. In seinem Buch "Hierarchy in the Forest" argumentiert er, dass frühe menschliche Gesellschaften im Wesentlichen egalitär waren und auf Zusammenarbeit basierten. Diese Kooperation war notwendig, um als Gruppe zu überleben, insbesondere in jagenden und sammelnden Gemeinschaften.
  2. Friedliche Gesellschaften: Bregman verweist auf verschiedene Beispiele friedlicher indigener Gesellschaften, wie die Kung-San in der Kalahari und die Inuit in der Arktis. Diese Gesellschaften zeigen, dass Menschen in bestimmten sozialen Strukturen dazu neigen, konfliktvermeidend und kooperativ zu handeln, oft durch soziale Normen, die aggressive Verhaltensweisen sanktionieren.
  3. Jean-Jacques Rousseaus "Edelwildheit": Während Thomas Hobbes argumentierte, dass der Mensch von Natur aus egoistisch und aggressiv ist, greift Bregman die gegenteilige Vorstellung auf, die ursprünglich von Rousseau formuliert wurde. Diese besagt, dass der Mensch im Naturzustand gut und kooperativ ist und erst durch die Zivilisation und Hierarchien korrumpiert wird.

Psychologische Studien:

  1. Stanley Milgram und das Konformitätsexperiment: Bregman diskutiert das berühmte Milgram-Experiment, in dem Probanden angewiesen wurden, anderen Menschen Elektroschocks zu verabreichen. Während dieses Experiment oft als Beweis für die Grausamkeit und Gehorsamkeit von Menschen interpretiert wurde, weist Bregman darauf hin, dass die Mehrheit der Teilnehmer extrem gestresst war und das Experiment nur widerwillig befolgte. Er argumentiert, dass viele von ihnen aus sozialem Druck handelten und nicht aus einer inhärenten Grausamkeit heraus.
  2. Das "Ultimatum-Spiel": Dieses Experiment ist ein klassischer Test in der Spieltheorie, der zeigt, dass Menschen in wirtschaftlichen Interaktionen oft kooperativ und fair handeln, selbst wenn sie keinen unmittelbaren Vorteil daraus ziehen. Das Ultimatum-Spiel zeigt, dass Menschen dazu neigen, faire Angebote zu machen, selbst wenn es zu ihrem Nachteil ist, weil sie negative Reaktionen (z.B. Ablehnung des Angebots) vermeiden wollen und Kooperation als wertvoll erachten.
  3. Forschung von Frans de Waal über Primaten: Der Primatenforscher Frans de Waal hat in seinen Studien über Schimpansen und Bonobos gezeigt, dass diese eng mit dem Menschen verwandten Tiere komplexe soziale Strukturen aufweisen, die auf Kooperation und gegenseitiger Fürsorge basieren. Insbesondere Bonobos sind dafür bekannt, Konflikte durch freundliche Gesten und sexuelle Interaktionen zu lösen, was darauf hindeutet, dass Kooperation ein tief verwurzeltes Verhalten ist.
  4. Das "Robbers Cave"-Experiment: In einem Experiment von Muzafer Sherif, das oft als Beispiel für intergruppale Konflikte zitiert wird, teilte man Jungen in zwei Gruppen auf und ließ sie gegeneinander konkurrieren, was zu Konflikten führte. Doch Bregman hebt hervor, dass die Konflikte durch die Einführung gemeinsamer Ziele schnell aufgelöst wurden. Dies deutet darauf hin, dass Menschen sich leicht in Gruppenstrukturen anpassen und zusammenarbeiten können, wenn sie ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Historische Beispiele:

  1. Das Verhalten während des London Blitzes im Zweiten Weltkrieg: Historische Berichte zeigen, dass die Menschen in London während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg nicht in Panik gerieten oder sich in brutalen Egoisten verwandelten. Stattdessen bildeten sie oft Gemeinschaften, halfen einander und zeigten Resilienz. Dieses Verhalten steht im Widerspruch zu den Erwartungen, dass Menschen unter Druck zu irrationalem oder destruktivem Verhalten neigen.
  2. Die Geschichte von sechs Jungen, die auf einer einsamen Insel strandeten: Bregman erzählt die wahre Geschichte von sechs Jungen, die 1965 auf einer verlassenen Insel im Pazifik gestrandet waren. Entgegen den Erwartungen, dass sie sich wie in William Goldings Herr der Fliegen in aggressive Stämme aufspalten würden, organisierten sie sich, arbeiteten zusammen und überlebten durch Kooperation und Fürsorge.
  3. Verhalten nach Naturkatastrophen: Historische Studien zeigen, dass nach großen Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Hurrikans oft nicht Chaos und Gewalt ausbrechen, sondern Solidarität und Hilfsbereitschaft. Bregman verweist auf Forschungen, die zeigen, dass Menschen in solchen Situationen in der Regel füreinander da sind, anstatt in anarchistischem Verhalten zu verfallen.

Fazit:

Rutger Bregman stützt seine Argumentation auf eine Mischung aus anthropologischen, psychologischen und historischen Studien, die alle darauf hindeuten, dass Menschen im Wesentlichen gutartig und kooperativ sind, besonders wenn sie in Gruppen leben. Diese Studien sollen die These widerlegen, dass Menschen von Natur aus egoistisch oder gewalttätig sind, und bieten eine optimistische Perspektive auf die menschliche Natur.

Der Mythos von der “Dünnen Schicht Zivilisation”

Ein weit verbreitetes Argument besagt, dass die menschliche Zivilisation nur eine dünne Schicht ist, die leicht zerbrechen kann, wenn die Gesellschaft unter Stress gerät, etwa in Kriegszeiten oder Katastrophen. Bregman argumentiert jedoch, dass Menschen in Krisen häufig solidarisch und hilfsbereit reagieren, anstatt sich in brutale, egoistische Individuen zu verwandeln.

Ein Beispiel dafür ist das Verhalten der Menschen während der Bombardierung von London im Zweiten Weltkrieg. Entgegen der Befürchtung, dass Panik und Chaos ausbrechen würden, reagierten die meisten Menschen mit Mitgefühl und Zusammenarbeit. Bregman zeigt anhand zahlreicher Beispiele, dass Katastrophen oft das Beste im Menschen hervorbringen und nicht das Schlechteste.

Der “Herr der Fliegen” – Mythos

Bregman dekonstruiert auch den berühmten Roman Herr der Fliegen von William Golding, der die Geschichte einer Gruppe von Jungen erzählt, die auf einer einsamen Insel stranden und sich in gewalttätige Stämme aufspalten. Goldings Werk hat das Bild geprägt, dass Menschen in einem Zustand der Anarchie schnell zu Barbarei verfallen.

Bregman stellt dem eine reale Geschichte gegenüber: 1965 strandeten sechs Jungen auf einer abgelegenen Insel im Pazifik. Im Gegensatz zur Fiktion arbeiteten diese Jungen zusammen, entwickelten Systeme der Kooperation und überlebten durch gegenseitige Fürsorge. Dieses Beispiel illustriert Bregmans These, dass Menschen instinktiv nach Gemeinschaft streben, anstatt in Chaos und Gewalt abzugleiten.

Kooperation als Überlebensstrategie

Ein zentraler Punkt im Buch ist, dass Kooperation und Freundlichkeit evolutionär gesehen Überlebensvorteile bieten. Bregman argumentiert, dass der Mensch als Spezies nur deshalb so erfolgreich ist, weil er zur Zusammenarbeit fähig ist und sich in sozialen Gruppen organisiert. Empathie und Mitgefühl seien wichtige Fähigkeiten, die Menschen dazu befähigen, sich zu verbünden und gemeinsam Probleme zu bewältigen.

Verzerrungen der menschlichen Wahrnehmung

Bregman zeigt auf, wie die Medien und die Geschichtsschreibung oft die negativen Seiten der Menschheit überbetonen und die positiven Eigenschaften übersehen. Skandale, Kriege und Verbrechen dominieren die Nachrichten, was zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität führt. Diese Negativität wird durch das, was er den “Negativity Bias” nennt, verstärkt – die Tendenz des menschlichen Gehirns, sich stärker an negative Ereignisse zu erinnern und diese zu verarbeiten.

Positive Beispiele in der Geschichte

Bregman bietet viele Beispiele von historisch positiven Phänomenen, die oft übersehen werden. Er zeigt, wie Menschen in Krisenzeiten, wie nach Naturkatastrophen oder während Kriegen, oft zusammenkommen und sich gegenseitig helfen. Er hebt Bewegungen wie die Gemeinschaftsaktionen während der Coronavirus-Pandemie hervor, in denen viele Menschen Solidarität und Hilfsbereitschaft zeigten.

Fazit: Eine neue Geschichte der Menschheit

Insgesamt fordert Bregman die Leser auf, ihre Sichtweise auf die Menschheit zu überdenken. Anstatt die Menschheit als grundsätzlich schlecht und egoistisch zu betrachten, sollten wir unsere angeborenen Eigenschaften von Freundlichkeit, Kooperation und Mitgefühl in den Vordergrund stellen. Bregman plädiert dafür, Systeme zu schaffen, die diese positiven Eigenschaften fördern und das Vertrauen in andere Menschen stärken.

Sein Buch ist eine Ermutigung, optimistischer auf die Welt zu blicken und sich für soziale Strukturen einzusetzen, die das Beste in den Menschen hervorbringen.

Quellen

In "Im Grunde gut" verwendet Rutger Bregman eine Vielzahl von Quellen, um seine Thesen zu stützen. Hier sind einige der Hauptwerke und Studien, auf die er verweist:

Anthropologische Quellen:

  1. Christopher Boehm, "Hierarchy in the Forest" (1999)
    Boehms Buch untersucht die Entwicklung von Moral und sozialer Kontrolle in frühen menschlichen Gesellschaften und zeigt, wie Kooperation und egalitäre Strukturen eine Schlüsselrolle für das Überleben spielten.
  2. Marshall Sahlins, "Stone Age Economics" (1972)
    Dieses Buch untersucht die ökonomischen und sozialen Strukturen in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften und widerlegt die Vorstellung, dass das Leben in prähistorischen Gemeinschaften kurz und gewalttätig war. Sahlins spricht vom "ursprünglichen Wohlstand", der durch Kooperation und geteilter Ressourcen erreicht wurde.
  3. Richard B. Lee und Irven DeVore (Hrsg.), "Man the Hunter" (1968)
    Diese Sammlung von anthropologischen Aufsätzen untersucht Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften und zeigt, dass Kooperation und geteilte Verantwortung das soziale Rückgrat dieser frühen Gesellschaften bildeten.

Psychologische Quellen:

  1. Stanley Milgram, "Obedience to Authority" (1974)
    Milgrams klassische Studie über Autorität und Gehorsam wird oft als Beweis für die dunkle Seite der menschlichen Natur zitiert. Bregman interpretiert die Ergebnisse jedoch anders und hebt die Konflikte und moralischen Dilemmata der Teilnehmer hervor.
  2. Frans de Waal, "Our Inner Ape" (2005)
    Frans de Waal erforscht das Verhalten von Primaten und zeigt, dass Kooperation, Empathie und Gerechtigkeit tief in der Evolution des Menschen verwurzelt sind.
  3. Muzafer Sherif, "The Robbers Cave Experiment" (1954)
    Sherifs Experiment zeigt, wie Konflikte zwischen Gruppen entstehen, aber auch, wie Kooperation und das Streben nach gemeinsamen Zielen diese Konflikte auflösen können.
  4. Daniel Kahneman, "Thinking, Fast and Slow" (2011)
    Kahnemans Forschung zur kognitiven Verzerrung, insbesondere zum Negativity Bias, wird von Bregman herangezogen, um zu erklären, warum wir dazu neigen, negative Nachrichten stärker wahrzunehmen und die positive Natur des Menschen zu übersehen.

Historische Quellen:

  1. Rebecca Solnit, "A Paradise Built in Hell" (2009)
    Solnit beschreibt historische Beispiele von Solidarität und gegenseitiger Hilfe nach Naturkatastrophen und Kriegen. Diese Beispiele widersprechen der Vorstellung, dass Menschen in Krisenzeiten zu Chaos und Gewalt neigen.
  2. Richard Titmuss, "The Gift Relationship" (1970)
    Titmuss’ Studie über Blutspenden zeigt, dass altruistisches Verhalten in modernen Gesellschaften weit verbreitet ist und Menschen bereit sind, ohne unmittelbare Gegenleistung für das Gemeinwohl zu handeln.
  3. Tongan Boys Stranded on 'Ata (1965)
    Die wahre Geschichte von sechs Jungen, die auf der Insel 'Ata strandeten, wird in der historischen Forschung dokumentiert. Sie überlebten, indem sie kooperierten und sich um einander kümmerten, was Bregman als Beispiel für die kooperative Natur des Menschen nutzt.

Weitere Quellen:

  1. Eleanor Ostrom, "Governing the Commons" (1990)
    Ostrom zeigt in ihrer Studie über Gemeinschaftsgüter, dass Menschen erfolgreich kooperative Systeme entwickeln können, um natürliche Ressourcen nachhaltig zu verwalten, ohne dass ein zentraler Autoritätsstaat nötig ist.
  2. Brian Hare und Vanessa Woods, "Survival of the Friendliest" (2020)
    Dieses Buch untersucht die Rolle von Kooperation und Freundlichkeit in der Evolution und legt dar, dass Menschen gerade deshalb erfolgreich sind, weil sie miteinander kooperieren und freundlich zueinander sind.

Wissenschaftliche Artikel und Studien:

Bregman zieht auch viele wissenschaftliche Artikel und einzelne Studien heran, um spezifische Punkte zu stützen. Dazu gehören psychologische Experimente, anthropologische Feldstudien und sozialwissenschaftliche Arbeiten über Katastrophenverhalten und menschliche Kooperation.

Bregman stützt sich auf eine breite Palette von Disziplinen – Anthropologie, Psychologie, Geschichte und Sozialwissenschaften –, um seine These zu untermauern, dass Menschen im Wesentlichen gut sind und in den meisten Situationen zur Kooperation und zum Zusammenhalt neigen. Die in seinem Buch genannten Quellen sind oft wissenschaftlich fundierte Studien, aber auch populärwissenschaftliche Werke, die historische und moderne Beispiele von Altruismus und Kooperation beleuchten.