"A Natural History of Human Morality" von Michael Tomasello
Essay über die Erkenntnisse
Michael Tomasello ist ein renommierter Entwicklungspsychologe und Anthropologe, dessen Buch A Natural History of Human Morality (2016) den Ursprung und die Evolution der menschlichen Moralität untersucht. Sein zentrales Anliegen ist, zu verstehen, wie die moralischen Fähigkeiten des Menschen aus gemeinsamen evolutionären Wurzeln hervorgegangen sind und wie sie sich zu der komplexen moralischen Struktur entwickelt haben, die wir heute in menschlichen Gesellschaften finden. Tomasello argumentiert, dass menschliche Moralität aus einer einzigartigen Kombination von Kooperation, Empathie und Normen hervorgegangen ist. In diesem Essay sollen die wesentlichen Erkenntnisse seines Buches darstellen und analysieren.
Die kooperative Natur der Moralität
Die zentrale These von Tomasello verknüpft die menschliche Moralität eng mit der Notwendigkeit zur Kooperation in frühen menschlichen Gesellschaften. Die frühen Menschen lebten in einer Umwelt, in der das Überleben von gemeinschaftlichen Handlungen abhing – etwa der gemeinsamen Jagd oder dem Schutz vor Raubtieren. In dieser Umgebung erhöhte kooperatives Handeln die Überlebenschancen.
Ein Vergleich mit den nächsten Verwandten, den Menschenaffen und insbesondere Schimpansen, zeigt deren Fähigkeit zu einer gewissen Art von Kooperation, etwa beim gemeinsamen Jagen. Die Kooperation bei Schimpansen ist allerdings oft egoistisch motiviert - die Tiere kooperieren nur bei eigenem Vorteil. Im Gegensatz dazu zeigt die menschliche Spezies eine weiterentwickelte Form der Zusammenarbeit. Die Entwicklung einer "geteilten Intentionalität" bedeutet, dass die Kooperation nicht nur aus Eigeninteresse erfolgt, sondern aus einem Verständnis für gemeinsame Ziele und Verpflichtungen. Dieser Übergang von egozentrischer zu gemeinschaftlicher Kooperation bildet nach Tomasellos Analyse den Grundstein der Moralität.
Moralität als gemeinschaftliche Verpflichtung
Ein weiterer entscheidender Aspekt in Tomasellos Argumentation ist die Idee, dass die menschliche Moralität auf dem Konzept von Normen und Verpflichtungen basiert. Während viele Tiere in bestimmten Situationen kooperativ handeln, zeichnet sich der Mensch dadurch aus, dass er diese Kooperation als eine moralische Pflicht oder Verpflichtung empfindet. Diese Verpflichtungen entstehen aus dem gemeinsamen Verständnis, dass es "richtig" oder "falsch" ist, wie man sich gegenüber anderen verhält. Tomasello bezeichnet dies als "zweistufige Evolution" der Moral.
Die erste Stufe dieser Evolution ist die Entstehung von zweipersonaler Moralität. Dies geschieht, wenn zwei Individuen gemeinsam an einem Ziel arbeiten und sich gegenseitig als gleichwertige Partner betrachten. In dieser Phase beginnen Menschen, moralische Verpflichtungen zu empfinden, die auf gegenseitigem Respekt und Gleichheit beruhen. Beispielsweise könnten sich zwei Jäger dazu verpflichtet fühlen, die Beute zu teilen, weil sie gemeinsam gejagt haben.
Die zweite Stufe der Evolution ist die Entwicklung von gruppenhafter Moralität, die mit der Entstehung größerer sozialer Gruppen und komplexer Gesellschaften verbunden ist. In dieser Phase entstehen allgemeine moralische Normen und Werte, die nicht mehr nur auf individuellen Beziehungen beruhen, sondern auf den Erwartungen und Regeln, die innerhalb einer größeren Gruppe gelten. Diese gruppenbasierten Normen sind die Grundlage für soziale Institutionen und moralische Werte, die in menschlichen Gesellschaften zentral sind, wie Gerechtigkeit, Fairness und Verantwortlichkeit.
Der Beitrag von Empathie und Mitgefühl
Ein weiterer wichtiger Baustein der menschlichen Moralität ist laut Tomasello die Entwicklung von Empathie und Mitgefühl. Menschen sind nicht nur in der Lage, das Leiden oder die Freude anderer zu erkennen, sondern auch emotional darauf zu reagieren. Dieses Einfühlungsvermögen ist ein wesentlicher Aspekt der Moral, da es Menschen dazu motiviert, anderen zu helfen, selbst wenn es keinen direkten Vorteil für sie selbst gibt.
Tomasello beschreibt Empathie als eine evolutionäre Anpassung, die ursprünglich in engeren familiären oder sozialen Bindungen wurzelte, sich aber im Laufe der menschlichen Evolution auf größere soziale Kreise ausgeweitet hat. Diese Erweiterung ermöglichte es den Menschen, moralische Verpflichtungen nicht nur gegenüber unmittelbaren Familienmitgliedern oder engen Verbündeten zu empfinden, sondern auch gegenüber Fremden und der Gemeinschaft insgesamt.
Kulturelle Evolution und moralische Normen
Neben der biologischen Evolution betont Tomasello auch die Rolle der kulturellen Evolution in der Entwicklung der menschlichen Moralität. Während bestimmte moralische Tendenzen, wie die Neigung zur Kooperation, evolutionär verankert sind, spielt die Kultur eine entscheidende Rolle dabei, wie diese moralischen Neigungen in verschiedenen Gesellschaften ausgedrückt und interpretiert werden. Moralische Normen, Gesetze und soziale Institutionen entwickeln sich im Laufe der Zeit und reflektieren die spezifischen Bedürfnisse und Werte der jeweiligen Gesellschaft.
Kulturelle Evolution ermöglicht es menschlichen Gesellschaften, komplexe moralische Systeme zu entwickeln, die weit über die grundlegenden kooperativen Mechanismen hinausgehen, die Tomasello als Ausgangspunkt beschreibt. Diese Systeme können abstrakte Prinzipien wie Menschenrechte, Gerechtigkeit und Gleichheit umfassen, die in vielen modernen Gesellschaften als moralisch geboten angesehen werden.
Fazit
Michael Tomasellos Buch A Natural History of Human Morality bietet eine tiefgründige und überzeugende Erklärung für die Ursprünge der menschlichen Moralität. Durch die Kombination von evolutionärer Biologie, Anthropologie und Psychologie zeigt er, wie moralische Normen und Werte als Reaktion auf die Herausforderungen der Kooperation in frühen menschlichen Gesellschaften entstanden sind. Die Entwicklung von geteilten Verpflichtungen, Empathie und kulturellen Normen hat es dem Menschen ermöglicht, ein einzigartiges moralisches System zu entwickeln, das sowohl individuelle als auch gruppenbasierte Aspekte umfasst.
Tomasellos Erkenntnisse verdeutlichen, dass Moralität nicht einfach ein festgelegtes, universelles System ist, sondern ein dynamischer Prozess, der sowohl durch biologische als auch durch kulturelle Evolution geprägt wird. Die menschliche Moral ist das Ergebnis eines langen evolutionären Prozesses, der tief in unserer sozialen Natur verankert ist, und sie entwickelt sich weiterhin durch die Interaktion zwischen Individuen und Gesellschaften.
Literaturübersicht
In einer Literaturübersicht zu dieser Arbeit lassen sich mehrere relevante Forschungsstränge und theoretische Grundlagen benennen, die Tomasellos Argumente untermauern. Im Folgenden werden einige der wichtigsten Werke und Themenfelder skizzieren, die als Bezugspunkte und weiterführende Literatur dienen.
1. Theorie der kooperativen Entwicklung und geteilten Intentionalität
Tomasellos Argument für die Evolution der menschlichen Moralität durch Kooperation basiert stark auf seinen früheren Arbeiten zur "shared intentionality" (geteilten Intentionalität), welche in den folgenden Werken ausführlich behandelt wird:
- Tomasello, Michael, et al. (2005). "Understanding and sharing intentions: The origins of cultural cognition." Behavioral and Brain Sciences, 28(5), 675–691.
- In diesem Artikel argumentieren Tomasello und seine Mitautoren, dass die Fähigkeit, Intentionen zu teilen und auf gemeinsame Ziele hin zu arbeiten, eine einzigartige menschliche Eigenschaft ist, die die kulturelle Evolution ermöglicht. Dies bildet die Grundlage für die moralische Verpflichtung und die Idee der gemeinsamen Verantwortung, die er in A Natural History of Human Morality weiterentwickelt.
- Tomasello, Michael (2009). Why We Cooperate. MIT Press.
- Dieses Buch beschäftigt sich detaillierter mit der evolutionären Bedeutung der menschlichen Kooperationsfähigkeit. Tomasello geht hier der Frage nach, warum Menschen im Vergleich zu anderen Primaten besonders kooperativ sind, was als Vorstufe der moralischen Verpflichtung verstanden werden kann.
2. Evolutionspsychologie und Moral
Die evolutionären Ursprünge der Moralität wurden in der Psychologie und Evolutionsbiologie vielfach erforscht. Tomasello knüpft an diese Tradition an und stützt sich auf Arbeiten, die die Entwicklung von Kooperation und Altruismus bei Menschen und Tieren untersuchen:
- Trivers, Robert L. (1971). "The evolution of reciprocal altruism." Quarterly Review of Biology, 46(1), 35–57.
- Trivers' Theorie des reziproken Altruismus ist grundlegend für das Verständnis von Kooperation in evolutionären Modellen. Tomasello verwendet diese Konzepte als Hintergrund, um zu erklären, wie kooperatives Verhalten in sozialen Gruppen zu moralischen Normen führen kann.
- de Waal, Frans (2006). Primates and Philosophers: How Morality Evolved. Princeton University Press.
- In diesem Werk argumentiert der Primatologe Frans de Waal, dass moralische Tendenzen wie Empathie und Fairness tief in der Evolution der Primaten verankert sind. Tomasello nutzt de Waals Forschung, um aufzuzeigen, wie bestimmte moralische Neigungen auch bei anderen Primaten existieren, jedoch beim Menschen weiterentwickelt wurden.
3. Entwicklung von Empathie und Mitgefühl
Die Rolle von Empathie und Mitgefühl in der menschlichen Moralität ist ein weiterer wichtiger Aspekt von Tomasellos Arbeit. Seine Überlegungen dazu bauen auf klassischen und modernen Theorien zu sozialer Kognition und Empathie auf:
- Batson, C. Daniel (2011). Altruism in Humans. Oxford University Press.
- Batson untersucht die psychologischen Mechanismen des Altruismus und argumentiert, dass empathisches Mitgefühl eine der Hauptquellen menschlicher Fürsorge für andere ist. Tomasellos Ausführungen über die Rolle von Empathie in der Moralität knüpfen an diese Forschung an.
- Hoffman, Martin L. (2000). Empathy and Moral Development: Implications for Caring and Justice. Cambridge University Press.
- Hoffman untersucht die Entwicklung der Empathie von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter und deren Rolle in der moralischen Entwicklung. Tomasello stützt sich auf diese psychologische Forschung, um zu zeigen, wie empathische Fähigkeiten im Verlauf der menschlichen Evolution zur Grundlage moralischen Verhaltens wurden.
4. Normen, soziale Regeln und Kultur
Die kulturelle Evolution und die Entwicklung sozialer Normen und Regeln spielen eine zentrale Rolle in Tomasellos Argumentation. Um den Übergang von individuellen kooperativen Verpflichtungen zu gesellschaftlichen Normen zu erklären, nutzt Tomasello eine Vielzahl von Theorien aus der Anthropologie und Soziologie:
- Boyd, Robert, & Richerson, Peter J. (2005). The Origin and Evolution of Cultures. Oxford University Press.
- Boyd und Richerson untersuchen die kulturellen Mechanismen, die zur Entwicklung von Normen und kooperativen Regeln führen. Tomasello verwendet diese Theorien, um zu zeigen, wie soziale Normen in menschlichen Gemeinschaften entstanden sind und sich weiterentwickeln.
- Henrich, Joseph (2015). The Secret of Our Success: How Culture Is Driving Human Evolution, Domesticating Our Species, and Making Us Smarter. Princeton University Press.
- Henrich argumentiert, dass kulturelle Evolution ein zentraler Treiber der menschlichen Anpassung und Entwicklung ist. Tomasellos Vorstellungen von gruppenbasierter Moralität und sozialen Normen passen in diese breitere Theorie, wie kulturelle Innovation und Überlieferung menschliches Verhalten geformt haben.
5. Vergleichende Forschung zu Primaten
Ein bedeutender Teil von Tomasellos Argumentation ist die vergleichende Forschung zwischen Menschen und anderen Primaten, insbesondere Schimpansen. Durch den Vergleich von kooperativem Verhalten und moralischen Fähigkeiten kann Tomasello zeigen, welche einzigartigen Merkmale der menschlichen Moralität evolutionär entstanden sind:
- Boesch, Christophe (2005). "Joint cooperative hunting among wild chimpanzees: Taking natural observations seriously." Behavioral and Brain Sciences, 28(5), 692-693.
- Boesch zeigt auf, dass Schimpansen in der Wildnis zu kooperativen Jagdstrategien fähig sind, was darauf hinweist, dass bestimmte Formen von Kooperation nicht einzigartig menschlich sind. Tomasello zieht aus solchen Beobachtungen Parallelen und Unterschiede, um die spezifische Entwicklung menschlicher Moralität hervorzuheben.
- Tomasello, Michael, & Call, Josep (1997). Primate Cognition. Oxford University Press.
- In diesem Buch untersucht Tomasello das kognitive Verhalten von Primaten und legt den Grundstein für seine späteren Vergleiche zwischen menschlicher und tierischer Kooperation. Diese Arbeit ist relevant für das Verständnis der kognitiven Fähigkeiten, die der menschlichen Moralität zugrunde liegen.
Fazit
Michael Tomasellos A Natural History of Human Morality stützt sich auf eine breite interdisziplinäre Basis, die Entwicklungspsychologie, Evolutionsbiologie, Anthropologie und Soziologie umfasst. Tomasellos Argumente sind tief in empirischen Studien über menschliches und tierisches Verhalten verwurzelt und beziehen sich auf klassische Theorien der Evolution, Kooperation und Moral. Seine Arbeit zeigt, wie menschliche Moralität sowohl eine biologisch verankerte als auch kulturell geformte Entwicklung ist.
Member discussion